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DIE JÜDISCHE WANDERSCHAFT DES HARRY MAOR
von Julian Levinson
Deutsche Fassung
von
Maimon Maor und Andrea König

Mein Großvater starb, als das jüdische Jahr gerade seinen heiligsten Moment erreichte: Mit dem Sonnenuntergang am Jom Kippur, dem Zeitpunkt, an dem das Ne'ilah Gebet gesagt wird und an dem die Tore des Himmels, so heißt es, sich schließen, dem Zeitpunkt also, an dem Gottes Urteil für das kommende Jahr besiegelt ist und die zehn Tage der Sühne zwischen Neujahr und Versöhnungsfest ihren Abschluß finden. Und es heißt, daß jene, die in diesem Moment sterben, direkt zum Himmel aufsteigen. Daß mein Großvater - dieser so durch und durch weltliche Mann, dessen Arbeitszimmer ein großes Portrait von Sigmund Freud zierte - just in diesem Moment starb, war nur ein letztes Beispiel für all die vielen ironischen Widersprüche, die sein Leben charakterisierten. Als wäre es die Pointe einer jener volkstümlichen Geschichten, die er so gerne erzählte, und bei der er gelächelt und gesagt hätte: "Ja, manche Menschen glauben wirklich, daß solche Dinge sich ereignen."

Harry Maor war ein beliebter und inspirierender Lehrer, ein leidenschaftlicher Redner, ein Gelehrter, Übersetzer und großartiger Geschichtenerzähler. Seine letzten sieben Berufsjahre verbrachte er an der Gesamthochschule Kassel. Die verschlungene Reiseroute seines Lebens - eine direkte Folge der Erschütterungen des zwanzigsten Jahrhunderts - und die Bedeutung, die die beiden Pole Deutschland und Israel in diesem Leben einnahmen, spiegeln die Leiden, aber auch den Idealismus des modernen Judentums wieder. Der etwas getragene Ton, der dieser Aussage vielleicht innewohnt, soll jedoch nicht die tiefe Fröhlichkeit im Wesen von Harry Maor vergessen machen, nicht seine Fähigkeit, das Leben zu genießen und auch nicht die spielerische Freude, die er im Umgang mit anderen Menschen hatte und die auch hin und wieder dazu führte, daß er sich einen Jux mit jemandem machte, wie z. B. mit einem besonders revolutionär gestimmten Studenten, den er schon mal mit einem begeisterten Winken mit einer roten Mao-Bibel begrüßte - in arabischer Übersetzung. Im Zuge seiner Sprachstudien trug er sie eine Zeitlang immer griffbereit in der Jackentasche, wie jeden Text, mit dem er sich gerade beschäftigte. Manchmal war es auch die grüne Bibel des Obersten Ghaddafi - selbstverständlich nicht in Übersetzung.

Harry Maor wurde als Sohn von Joseph Gischner und Amalia Obermayer am 27. Mai 1914 in München geboren. Sein Vater stammte aus Czernowitz in der Bukowina, einer Stadt, deren kulturelles Leben zu den Zeiten, als sie zur österreichisch-ungarischen Monarchie gehörte, vielgerühmt war, und die damals eine große jüdische Bevölkerung hatte. Viele Juden fühlten sich hier der jüdischen Aufklärung (Haskalah) verpflichtet. Seine Mutter stammte aus einer böhmischen Schaustellerfamilie. Ihre Theaterleidenschaft und Musikalität hat sie ihren beiden Söhnen vererbt. Die radikalen kulturellen Vorlieben der Eltern und ihre Verehrung für zwei berühmte jüdische Dissidenten drücken sich aus in der Namengebung ihrer Kinder: Der ältere Sohn, Harry, wird nach dem Dichter und Revolutionär Harry (später Heinrich) Heine, der jüngere, Maimon, nach dem talmudischen Wunderkind und späteren Philosophen und Kant-Kritiker Salomon Maimon benannt, (der sich diesen Namen selbst aus Verehrung für den Rabbi Mose ben Maimon, auch als Maimonides bekannt, gegeben hatte; eine Verehrung, die Joseph Gischner und sein Sohn Harry teilten.)

Nach der Trennung der Eltern unterstützte die Münchener Jüdische Gemeinde Harrys Ausbildung an der Jüdischen Präparandenschule in Höchberg, einer Religionslehrer- und Kantoren-Ausbildungsstätte bei Würzburg. Hier begegnete er erstmals der traditionellen Welt jüdischer Gelehrsamkeit, der er auch nach seiner Abkehr von jeglichen religiösen Überzeugungen in Liebe verbunden blieb, ebenso wie der Musik des jüdischen Gottesdienstes. Aber Harry war auch der beherzte Torwart der Fußballmannschaft der Präparandenanstalt in ihren ewigen Duellen mit der jüdischen Lehrerbildungsanstalt in Würzburg. Als sein Englischlehrer ihn mit den Werken von Marx und Freud bekannt machte, vertiefte er sich so sehr in ihr Studium, daß er bald seinen Platz nicht mehr in einem religiösen Internat sah. Er vertraute sich in einem privaten Gespräch dem Schuldirektor an, der ihn bat, er solle seine klassenkämpferischen und psychoanalytischen Begeisterungen noch ein, zwei Jahre im Verborgenen ruhen lassen, um seinen Abschluß zu machen, er müsse dies weder als Verrat am Judentum noch am Proletariat noch am Unbewußten sehen. Doch auch diese Bitte konnte Harry nicht umstimmen. Er beschloß, nach München zurückzukehren. Ein damaliger Mitschüler und Freund erinnert sich: "Trotz der fast 70 Jahre, die seither vergangen sind, kann ich den Moment seiner Mitteilung darüber in einem diskreten Gespräch nicht vergessen. Niedergeschlagen und tiefstens deprimiert konnte ich damals nicht fassen, wie so ein guter Kerl eine solche Tat begehen kann. Nach 15 Jahren schweren inneren Konfliktes bekannte ich mich zu seiner Seite." (Flade, Roland: Lehrer, Sportler, Zeitungsgründer: Die Höchberger Juden und die Israelitische Präparandenschule. Würzburg 1998, S. 81)

In München nahmen Freunde Harry, der kein Abitur hatte, als Schwarzhörer mit zu Vorlesungen an der philosophischen Fakultät der Universität. Welche Vorlesungen er besuchte, weiß ich leider nicht, ebenso wenig, wieviel Zeit er dem Studium widmen konnte. Er mußte sich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser halten und setzte sich intensiv mit den Theorien von Ber Borochow auseinander, dem Begründer und Führer des linken Arbeiterzionismus Poalei Zion, mit denen er schon in Höchberg konfrontiert worden war. Die marxistische Analyse der ökonomischen und sozialen Situation des jüdischen Volkes führten Borochow zu der Überzeugung, daß die jüdische Besiedlung Palästinas die Juden wieder zu einem "normalen" Volk machen würden, ein Ziel, das Harry in hitzigen Debatten mit den Freunden Ali Fröhlich (später Zahlentheoretiker in London) , Hans Lamm (später Verleger und Vorsitzender der jüdischen Gemeinde München) und Fritz Rosental (später unter dem Namen Schalom Ben-Chorin Schriftsteller und Religionsphilosoph) verteidigte. Als Internationalist sah Harry den jüdischen Nationalstaat aber nur als ein Etappenziel auf dem Weg zur Aufhebung aller Nationalstaaten. Neben seinem links-zionistischen Engagement suchte er aber auch nach einem Platz in der linken deutschen Arbeiterschaft im Kampf gegen die Nationalsozialisten. Als er im April 1933 auf einer Versammlung der "Nationalsozialistischen Betriebszellen-Organisation", zu der laut Plakaten Juden keinen Zutritt hatten, das Wort ergriff, wurde er von anwesenden SA-Männern überwältigt und der Polizei übergeben. Ein Schnellrichter verurteilte ihn zu zehn Tagen Haft. Die Münchener Presse bezeichnete die "dreiste Frechheit des Harry Obermayer" als "Judenverfolgung", denn selbst auf einer Versammlung, zu der Juden der Zutritt ausdrücklich verboten war, sei man vor ihnen nicht mehr sicher.

Freunde in der zionistischen Bewegung rieten ihm, Deutschland sofort zu verlassen und vermittelten ihm eine einjährige Lehre auf einem Bauernhof in der Slowakei. Diese auf hebräisch "Hachscharah" genannte landwirtschaftliche Ausbildung war eine der Bedingungen, um ein Visum in das damals britische Mandatsgebiet Palästina zu bekommen. In Palästina angekommen, arbeitete er zunächst im Kibbuz Tel-Joseph in einem Kuhstall, aber weder die Kühe noch seine Vorgesetzten hatten Verständnis dafür, daß er auch beim Melken Bücher las, und so ging er nach Haifa, wo er sich als Tagelöhner am Bau verdingte und Immigranten aus Deutschland Privatstunden für Hebräisch gab. In Haifa fand er, was er im Kibbuz vermißt hatte: Das städtisch-intellektuelle und literarische Leben mit seinen beiden Brennpunkten Buchhandlungen und Kaffeehäuser. Das "Café Atara" wurde zu seiner Studier- und Arbeitsstube. Er begann Arabisch zu lernen und fand im Hafenviertel und im Shuk, dem Markt von Haifa, viele Möglichkeiten zu Gesprächen mit Arabern. Einige Monate lang arbeitete er in Beirut als Redakteur für eine deutschsprachige Zeitung.

Schon in Deutschland hatte er sich für den Versuch einer Synthese von Marxismus und Psychoanalyse, wie sie Wilhelm Reich vertrat, interessiert. Nun begann er eine Korrespondenz mit Reich und sein mit Büchern überhäufter Tisch im "Atara" wurde mit der Zeit zu einer Art inoffiziellem Reich-Institut in Palästina. Doch bald führten Diskussionen über die von Reich behauptete Entdeckung einer "Orgon-Energie" - einer bislang von Physikern nicht bemerkten Lebensenergie - und ihr Einfangen zur Krebsbehandlung in sogenannten "Orgonkästen" aus Sperrholz, in die sich Patienten setzen mußten, zum Bruch. Harry beriet sich mit einigen befreundeten Physikern vom Weizmann-Institut, und Reich fühlte sich verraten.

Harry war zu dieser Zeit ein Befürworter eines bi-nationalen Staates und ein Bewunderer von Leo Trotzki. Er sympathisierte mit den Zielen der Vierten Internationalen. Sein Mißtrauen Stalin gegenüber sah er durch die Moskauer Schauprozesse und durch Berichte aus der Sowjetunion bestätigt.  Harrys Hoffnung auf eine letztendliche Überwindung der Nationalstaaten führte zu dieser Zeit auch zu einer Wiederaufnahme seines Interesses an internationalen Sprachen - bereits als 15jähriger Schüler hatte er an einem Esperanto-Kongreß teilgenommen. Vor allem das "Basic English", eine Entwicklung des britischen Linguisten C. K. Ogden, fand in ihm einen engagierten Mitstreiter.

1939 lernte er seine zukünftig Frau im - wie könnte es anders sein - "Café Atara" kennen. Gila Reifen stammt aus einer orthodoxen Familie aus Plauen im Vogtland. Sie hatte eine ähnliche politische Sozialisation durchgemacht wie Harry und Deutschland im Juni 1933 verlassen, nur Stunden bevor die Gestapo in ihrem Elternhaus nach ihr suchte. Zusammen zogen Harry und Gila 1942 nach Tel-Aviv, wo noch im gleichen Jahr die Tochter Eleanor - benannt nach Karl Marx' Tochter - und 1946 der Sohn Maimon - benannt nach Harrys Bruder, der Deutschland nicht rechtzeitig verlassen konnte und ein Opfer der Shoah wurde - auf die Welt kamen. Das Ende des britischen Mandats über Palästina und die Ausrufung des Staates Israel durch Ben-Gurion nach der Verkündung des UN-Teilungsplanes erlebte Harry mit einer gewissen Ambivalenz: Die Spannungen zwischen den jüdischen und arabischen Bevölkerungsgruppen hatten seine Hoffnung auf eine friedliche bi-nationale Lösung zunichte gemacht. Gleichzeitig beobachtete er mit großer Sorge das Erstarken des sogenannten revisionistischen Flügels des Zionismus mit seinem nationalistischem Pathos. Er zweifelte allerdings nicht daran, daß für die Juden Europas eine nationale Heimstätte geschaffen werden mußte. Einer seiner Schüler berichtet, daß Harry, auf das Jahr 1949 zurückblickend, in seiner andeutungsreichen ironischen Art sagte: "Ich saß an den Ufern des Yarkon und weinte" (der Yarkon, ein sehr kleines Flüßchen, mündete nur einen Steinwurf von Harrys Wohnung entfernt im Mittelmeer).

Den zunehmenden Einfluß der Religion auf die sich entwickelnde israelische Nationalkultur und die in vielen Bereichen fehlende Trennung zwischen Religion und Staat betrachtete er mit Skepsis. Als er bei der Zugangsprüfung zur Hebräischen Universität in Jerusalem beim Fach Bibelkunde aufgefordert wurde, eine Kopfbedeckung, eine Kippah, zu tragen, lehnte er ab und wurde ausgeschlossen. Er fuhr daraufhin nach Zypern und legte am Britischen Konsulat seine Prüfungen zum Abitur der London University ab. Doch die wirtschaftliche Lage machte ihm die Aufnahme eines Studiums unmöglich. Er wurde Sozialarbeiter und bald darauf Leiter des Sozialamtes der Stadt Ramla. Als die Stadt sein Gehalt und die Bürokosten vorübergehend nicht mehr zahlen konnte, nahm er das Angebot des Herausgebers der in Düsseldorf erscheinenden "Jüdischen Allgemeine Wochenzeitung" für eine Redakteursstelle an, und die Familie siedelte 1953 nach Deutschland über. Bereits 1951 war Harry als freier Mitarbeiter für die Zeitung mehrere Monate lang in Deutschland gewesen, hatte seine Mutter, die während des Krieges Unterschlupf auf dem Land gefunden hatte, besucht (von seinem Vater fand sich keine Spur), war von München nach Hamburg und von Düsseldorf nach Berlin mit dem Fahrrad unterwegs gewesen und hatte die Möglichkeiten einer Rückkehr nach Deutschland zu Studienzwecken erkundet. Insbesondere von der DDR wollte er sich ein Bild machen. Hier traf er mit Arnold Zweig zusammen, den er aus Haifa kannte. Zweig, der zu dieser Zeit Präsident der Deutschen Akademie der Künste der DDR war und der Harrys Art, offen seine Meinung zu sagen, kannte, riet ihm von einem Studium in Ostberlin mit den Worten ab: "Wenn du nicht in Sibirien landen willst, komme nicht her!"

1955 nahm Harry eine Stelle als Jugendreferent bei der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) in Frankfurt am Main an. Er organisierte Seminare für jüdische Jugendliche, bei denen es um den Themenkreis jüdische Identität im Nachkriegsdeutschland, aber auch um Fragen des Zionismus und ganz allgemein der jüdischen Kultur ging, und leitete den Aufbau zweier Sommerferienstätten, die den damals noch nicht sehr zahlreichen und über ganz Deutschland versprengten jüdischen Kindern und Jugendlichen ein Zusammentreffen ermöglichen sollte. Harry war zeit seines Lebens ein begeisterter Lehrer, und die erzieherische Arbeit im Spannungsfeld zwischen jüdischer Tradition und moderner Welt, zwischen Zukunftsoptimismus und Besinnung auf die kaum zurückliegenden Jahre fürchterlichster Verfolgung inspirierte ihn.

Mit der Rückkehr aus Israel nach Deutschland legte die Familie den deutschen Nachnamen ab. In Israel hatte Harry sich als Internationalist und Europäer gesehen, im Nachkriegsdeutschland wollte er seine israelische Identität durch einen hebräischen Namen kenntlich machen. Politisch sah er sich nach wie vor als Sozialist, aber, wie sein Doktorvater Prof. W. E. Mühlmann bemerkte, "er war dies völlig unideologisch, aus einer Spontaneität des Herzens und aus einem Temperament des zugreifenden Helfens heraus."

In die Zeit der Rückkehr fällt auch der Anfang von Harrys Arbeit als Übersetzer, eine äußerst fruchtbare "Nebenkarriere", in deren Verlauf er mehr als 60 Bücher aus dem Englischen, Französischen, Hebräischen, Jiddischen und einmal sogar Dänischen übersetzte, darunter die große Trotzki-Biographie von Isaac Deutscher, Standardwerke über die russische Revolution und die Geschichte der Psychiatrie, Werke von Erich Fromm, Saul Friedländer, Leroi Jones, Chaim Potok und Herman Wouk. Eine seiner Übersetzungen blieb unveröffentlicht: Raul Hilbergs "The Destruction of European Jewry", die umstrittene Quelle für Hannah Arendts "Eichman in Jerusalem" blieb, von Harry ohne Verlagsvertrag übersetzt, in seiner Schreibtischschublade liegen. 1963 scheuten deutsche Verleger noch eine Veröffentlichung dieser Arbeit, in der es um die komplexen Beziehungen zwischen den Opfern und Tätern des Holocausts geht (die erste deutsche Übersetzung erschien erst 1982).

Hauptgrund für Harrys Rückkehr nach Deutschland war sein Wunsch gewesen, an einer Universität zu studieren, und so hatte er sich schon während seiner Zeit als Redakteur der "Jüdischen Allgemeinen" in Köln für das Fach Soziologie eingeschrieben. Seine Arbeit für die ZWST brachte ihn in persönlichen Kontakt mit allen jüdischen Gemeinden in Deutschland und er begann, nunmehr in Mainz immatrikuliert, bei Prof. Mühlmann eine empirische Arbeit "Über den Aufbau der Jüdischen Gemeinden in Deutschland seit 1945", mit der er 1961 promovierte. Diese Arbeit enthält eine Fülle von bis dahin nicht verfügbaren Fakten über die demographische Entwicklung und das Selbstverständnis der Juden im Nachkriegsdeutschland, die Harry in unzähligen Interviews zusammentrug, und ist nach wie vor eine vielzitierte Quelle der Forschung. Eindrucksvoll zeigt Harry wie Deutschland in schon paradox zu nennender Weise mit Ende des Krieges zum Schutzhafen für jüdische Flüchtlinge aus Osteuropa wurde - den sogenannten "Displaced Persons". Die meisten dieser Flüchtlinge zogen letztendlich weiter, vor allem nach Israel und in die USA, aber ein Teil von ihnen blieb, und Harry beschreibt, wie sie, zusammen mit den wenigen aus dem Exil zurückgekehrten deutschen Juden, den Grundstein für den Wiederaufbau jüdischen Lebens in Deutschland setzten, ausgehend von einer "Interessengemeinschaft der Geschädigten", deren Mitglieder "erlittenes Judenschicksal" verband.

Nach der Promotion kehrte Harry mit seiner Familie 1963 nach Israel zurück. Doch alle Bemühungen, hier beruflich Fuß zu fassen scheiterten, und nach drei Jahren als Englischlehrer an einem Regionalgymnasium auf dem Land südlich von Tel-Aviv nahm er ein Habilitationsstipendium am Institut für Soziologie und Ethnologie an der Universität Heidelberg an, dessen Leitung Prof. Mühlmann inzwischen übernommen hatte. Es war die Zeit der Studentenbewegung, und das Heidelberger Institut wurde auf dem Höhepunkt der manchmal auch handgreiflichen Auseinandersetzungen sogar zeitweise geschlossen. Harry sah sich überraschenderweise bei dem ein oder anderen gewaltsamen go-in während einer Seminarveranstaltung als Faschist beschimpft. Mit Geduld und Ironie bemühte er sich um eine Entkrampfung der politischen Diskussion und versuchte, seine Erfahrungen zu vermitteln, die er mit Dogmatismus, Haß und verengten Ideologien gemacht hatte. Aber er sah sich auch nach einer Arbeitsmöglichkeit außerhalb Deutschlands um und ging schließlich für zwei Jahre nach Kanada an das King's College der Western Ontario University. 1969 wurde er in Heidelberg mit einer religionssoziologischen Arbeit über die Säkularisation des deutschen Judentums seit Moses Mendelssohn habilitiert.

Ende der 60er Jahre begann Harry auch eine rege Vortragstätigkeit, die ihn durch ganz Deutschland führte. Beispielhaft seien die Themen "Die jüdischen Wurzeln der Psychoanalyse", "Die Gott-ist-tot-Hypothese im Judentum" und "Messianismus und Zionismus" herausgegriffen.

Nach einem Semester an der Pädagogischen Hochschule in Göttingen 1970 nahm er schließlich 1971 die Stelle als Hochschullehrer für Soziologie und Sozialarbeit an der Gesamthochschule in Kassel an. Alle verfügbaren Berichte weisen ihn hier als beliebten Lehrer aus, der mit seinem Enthusiasmus, seiner Wärme, Großzügigkeit, Hilfsbereitschaft und nicht zuletzt seinem Witz seine Studenten inspirierte und leitete, bis er 1979, mit Erreichen der Altersgrenze, von Kollegen und Schülern herzlichst verabschiedet, zusammen mit seiner Frau nach Tel-Aviv zurückkehrte. In die Kasseler Zeit fallen die Herausgabe der Bücher "Soziologie der Sozialarbeit" und "Lexikon der Sozialen Arbeit" (beide erschienen bei Kohlhammer).

Meine eigene Erinnerung an meinen Großvater stammen aus dieser Zeit. Wenn er uns in San Francisco besuchte, nahm er meinen Bruder Gordon und mich auf spannende Entdeckungsreisen durch Teile der Stadt, die uns völlig unbekannt waren und in die wir uns auch nicht unbedingt hineingetraut hätten. Nicht selten begann er Gespräche, hier mit einem Besitzer einer kleinen Bäckerei, dort mit einem Verkäufer in einem Eckladen. Führte er die Gespräche in einer Sprache, die wir nicht verstanden, z. B. auf arabisch (zweifellos sah er jede solche Unterhaltung auch als willkommene Sprachübung an), so berichtete er uns anschließend, was er erfahren hatte, und er untermalte solche Berichte gerne mit Geschichten, die uns wie aus einer anderen Welt zu kommen schienen, Geschichten von weisen Narren, die auf wundersame Weise der Unbill des Lebens entgehen.

Ich war glücklich genug, einer seiner letzten Schüler gewesen zu sein. Einige Monate, bevor die unheilbare Krankheit diagnostiziert wurde, hatte er mit mir einen intensiven Lehrgang abgeschlossen, der mich auf meine Bar-Mitzvah vorbereitete. Mit einer Begeisterung, die sich so offensichtlich aus seinen Erinnerungen an seine eigenen Einführung während seiner Schulzeit an der Präparandenanstalt schöpfte, lehrte er mich die Bedeutung der "Akzente", jener kleinen Zeichen in der gedruckten Tora, dem Fünfbuch Mose, die den gesangsartigen Vortrag bei der Tora-Lesung bis ins Einzelne regeln. Am Ende jeder Unterrichtsstunde gingen wir immer noch einmal das Gebet durch, das vor dem Lesen eines Tora-Abschnitts gesagt wird. Mit der ihm eigenen Mischung aus Ironie und Verwunderung wurde er nie müde zu erwähnen, daß das Aufsagen dieses Gebetes die Mindestanforderung an einen Bar-Mitzvah-Jungen sei. Und kaum hatte ich dieses Gebet übungshalber aufgesagt, erklärte er mich mit liebevollem Stolz zum hundertundsoundsovielten Mal zum "Bar-Mitzvah", zum "Sohn der Gebote". Es scheint mir, als ob ihn diese äußerste Ökonomie des Rituals, die Idee, daß aufwendigere Zurschaustellungen von Frömmigkeit im Grunde unnötig sind, wenn es darum geht, seinen Platz in der Tradition einzunehmen, faszinierte. Mit seiner so oft wiederholten Beteuerung, daß ich meine Aufnahme als vollgültiges Mitglied in die Religionsgemeinschaft schon mit diesem einen Gebet erreichen kann, zeigte er mir, wie wichtig es ist, das Wesentliche vom nur Beiläufigen zu unterscheiden. Es war, das sehe ich heute, sein Insistieren auf dieser Unterscheidung, das ihm in seinem turbulenten Leben so hilfreich zur Seite stand. Indem er seine Ideale, seine Hoffnungen, vielleicht sogar sein Selbstwertgefühl so unbeirrt auf ihre Wesentlichkeiten reduzierte, wurde er beweglich und frei und konnte gleichzeitig unversehrt erhalten, was wir wohl mit dem Begriff Seele bezeichnen.

27 Mai 2003


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